Eine große Dankbarkeit gespürt
veröffentlicht am Donnerstag, 21.September 2006 um 15:08 UhrKraiburg/Paynesville (hg) - Zehn Tage Hilfseinsatz im afrikanischen Liberia - Wolfgang Sedlmaier werden viele Erlebnisse in Erinnerung bleiben.
«Eines der schönsten» war für ihn die Begegnung mit einem sechsjährigen Buben, der an Kinderlähmung erkrankt und vom Brustbein ab gelähmt war und dem der 31-Jährige Kraiburger und das Team der «USAR Task Force» helfen konnten. Dessen Eltern übergab die Organisation einen Kinderrollstuhl. «Der Bub war richtig glücklich, als er aufrecht darin sitzen konnte.»
Mit vier Fachärzten aus dem norddeutschen Raum und Teamleiter Frank Schultes, dem Kopf der privaten Hilfsorganisation, «Urban Search and Rescue» brach der Krankenpfleger am 6. September nach Liberia auf. Nach dem Ende des 14 Jahre dauernden blutigen Bürgerkriegs ist der westafrikanische Staat noch immer weit von Normalität entfernt, obwohl die Rebellen ihre Waffen abgegeben haben und wieder in ein ziviles Leben integriert werden sollen. Noch immer sind 15000 UN-Soldaten im Land, um für die Einhaltung des Waffenstillstands zu sorgen. Die öffentliche Sicherheit und Ordnung können sie nicht gewährleisten. Sedlmaier: «Es ist noch immer gefährlich, nach Einbruch der Dämmerung auf der Straße unterwegs zu sein.»
Immer wieder wurde das Usar-Team aus Deutschland bei seiner Arbeit in einer Klinik in Paynesville, einem Außenbezirk der Hauptstadt Monrovia, mit den Folgen des Krieges konfrontiert. Augenzeugen berichteten von Greueltaten, mehrmals waren oft viele Jahre alte Schussverletzungen und die Folgen von Misshandlungen zu behandeln. In vielen Fällen habe man die Schmerzen der Patienten lindern können.
Täglich etwa 100 Patienten kamen zu der Gerlib-Klinik, die von der einheimischen Krankenschwester Magret Nimene geleitet wird. Unter ihnen waren sehr viele Kinder mit schweren fiebrigen Infekten. «Immer wieder war die Diagnose Malaria.» Nicht helfen konnten die Mediziner den zahlreichen Frauen, die aufgrund von Geschlechtskrankheiten unfruchtbar geworden waren.
Mit dem Ärzte-Team, über das sogar der «Daily Observer», eine der größten Tageszeitungen des Landes, berichtete, erreichte auch ein Container mit 20 Tonnen Hilfsgütern Liberia: Kleidung und Nahrungsmittel für Kinder, Medikamente, Material für die Pflege und Patientenbetreuung, Handtücher, Seifen, Einmalhandschuhe, medizinische Geräte. Neben der Unterstützung der Ärzte war Wolfgang Sedlmaier vor allem damit beschäftigt, dieses Material zu ordnen und zum Beispiel die Operations-Sets für einen Chirurgen vorzubereiten, der in diesen Tagen seinen Dienst antritt.
Mit drei angehenden einheimischen Ärzten und etwa zehn Krankenschwestern und -pflegern arbeitete das Team aus Deutschland zusammen. Zu den Hauptaufgaben des 31-Jährigen, der am Kreiskrankenhaus Mühldorf arbeitet, zählte die Schulung des Pflegepersonals.
Er habe «Gesundheitserziehung» geleistet, sagt der Kraiburger und deutet damit an, dass es um die Ausbildungsstandards in dem afrikanischen Land nicht besonders gut bestellt ist. Ein Negativbeispiel: der «absolut sorgenlose» Umgang mit gebrauchten Spritzen oder der Verzicht auf Einmalhandschuhe. Es sei eine große Schwierigkeit gewesen, gegenüber den einheimischen Pflegern den richtigen Ton zu treffen. Dabei habe es auch Reibungen gegeben.
Es war ein Einsatz unter schwierigen Bedingungen, auch deshalb «weil wir direkt in eine Regenphase kamen». Die extrem hohe Luftfeuchtigkeit sei für Europäer körperlich sehr anstrengend.
Insgesamt zieht Sedlmaier eine positive Bilanz des Einsatzes im Krankenhaus. Dessen Ausstattung sei nach dem Besuch deutlich verbessert, das medizinische Personal von den deutschen Ärzten an Geräten wie etwa einem gynäkologischen Untersuchungsstuhl geschult. Nicht alles klappte. Das Team habe es nicht geschafft, ein Ultraschallgerät in Gang zu setzen. Dazu brauche es einen Stromgenerator, der die Klinik versorgt.
Er habe «eine große Dankbarkeit gespürt allein dafür, dass wir gekommen sind», sagt der Kraiburger. Diese Erfahrung habe man vor allem beim Besuch eines Waisenhauses im Landesinneren gemacht. Etwa 150 Kinder leben dort unter äußerst schlechten Bedingungen. «Sie schlafen auf Strohsäcken auf dem blanken Boden.» Es gebe keine sanitären Einrichtungen, keine Möbel. Die Helfer aus Deutschland brachten Kinderkleidung, Spielzeug, Traubenzucker. Dabei soll es laut Wolfgang Sedlmaier nicht bleiben. Usar werde sich für dieses Waisenhaus auch in Zukunft engagieren.
Sachspenden, das heißt vor allem Betten, medizinisches Gerät und Medikamente, habe die Organisation auch für ein Krankenhaus in Aussicht gestellt, das im liberianischen Dschungel gebaut werde. Nach sieben Stunden Fahrt hatte die Gruppe das 220 Kilometer von Monrovia entfernte Dorf «Britannia» erreicht. Beim feierlichen Empfang wurden Sedlmaier und Kollegen zu Ehrenbürgern ernannt.
Im kommenden Jahr sei erneut der Einsatz eines Teams geplant, sagt der Kraiburger, der nach dem zehntägigen Aufenthalt mit «Usar» von der «hervorragenden Organisation» beeindruckt ist. Er wolle auf jeden Fall weiter mitarbeiten. Ob er schon im nächsten Jahr wieder vor Ort hilft, lässt Sedlmaier offen. Dies sei auch eine finanzielle Frage. Die Kosten für den Flug habe er selber tragen müssen. In Vorträgen will der Krankenpfleger von seinen Erfahrungen und Erlebnissen in Liberia berichten. Er hofft dabei, neue ehrenamtliche Helfer aus dem medizinischen Bereich wie aus dem Feuerwehrwesen für einen Einsatz zu begeistern. Wer sich für die Arbeit interessiert, kann sich unter Telefon 08638/886676 auch direkt an ihn wenden. Weitere Informationen über die Hilfsorganisation «Usar» finden sich auf der Homepage www.usarweb.de.
