HAITI Erdbeben - Bericht Kölner Zeitung 21.01.2010
veröffentlicht am Montag, 14.März 2011 um 20:49 UhrDauereinsatz in den Trümmern
Von Klaus Ehringfeld, 21.01.10, 23:50h
Normalerweise haben die Experten 78 Stunden Zeit, um nach Erdbeben noch Menschen lebend zu bergen. Aber in Haiti finden Retter-Teams noch immer Verschüttete. Pablo, der deutsche Beben-Hund, ist erschöpft und hat sich die Pfoten an den Trümmern aufgerissen.
PORT-AU-PRINCE - Nullzeit. Nur das eine Wort sagt Frank Schultes. Und keines passt besser zur Situation in Port-au-Prince, seit das Beben vom 12. Januar in Haitis Hauptstadt fast alles Leben unter sich begraben hat. Für Schultes bedeutet das Wort an diesem Nachmittag Hoffnung. Darauf, auch jetzt noch Menschen lebend zu bergen.
Der Chef der Dürener Erdbebenrettung marschiert mit Walkie-Talkie über die Ruinen eines Hauses in der Rue des Miracles im zerstörten Stadtzentrum. Ein Mann, der sich eine US-Fahne um die Schulter gebunden hat, vermisst sein elfjähriges Kind unter dem Schutt. Er habe es noch am Morgen weinen hören, sagt er. Schultes und seine Retter rücken mit Detektionsgerät, Spürhund und Wärmekameras an. Das Haus sei erst beim Nachbeben am frühen Mittwochmorgen komplett zusammengefallen, sagen die Anwohner. „Dann geht für uns die Zeitrechnung wieder von vorne los“, sagt Schultes. Nullzeit eben.
Normalerweise haben die Experten 78 Stunden Zeit, um nach Erdbeben noch Menschen lebend zu bergen. Aber in Haiti finden die 50 Retter-Teams aus der ganzen Welt noch immer Verschüttete - 120 bisher. Am Dienstag holten Schultes und seine Leute gemeinsam mit mexikanischen Rettern eine 65-jährige Frau lebend aus dem Amtssitz des Erzbischofs. „Da ging ein Ruck durchs Team, das ist eine Riesenermunterung“, sagt der Mann aus Merzenich (Kreis Düren).
Gemeinsam mit seinem Team von 14 Beben-Experten und Spürhund Pablo kam er zwei Tage nach der Katastrophe in die Karibik. Seitdem hat er fast nur Leichen geborgen. Hundert insgesamt. Bei der Suche kommt zuerst das elektronische Detektionsgerät zum Einsatz, Technik, erprobt bei vielen Minenunglücken. Anwohner, Helfer und die Soldaten der 82. Fallschirmjägerdivision der US-Armee, die zum Schutz der Retter eingeteilt sind, dürfen keinen Schritt machen. Seit am Vortag auf die Retter an der Kathedrale geschossen wurde, dürfen die Rettungsteams nur in Begleitung von Militär ausrücken. Das Detektionsgerät bringt kein Ergebnis. Dann kommen die Spürhunde der polnischen Kollegen. Pablo, der deutsche Beben-Hund, ist nach 18 Gebäuden an diesem Tag erschöpft und hat sich die Pfoten an den Trümmern aufgerissen. Er bekommt einen dicken Verband um die linke Hinterpfote. Schultes, ein gelernter Rettungssanitäter und Orthopädietechniker, ist 36 Jahre alt. Er ist in den vergangenen Jahren von Beben zu Überschwemmung und von Tsunami zu Beben gehetzt. „33 Katastrophen aller Art“, sagt er. Seine Erdbebenrettung steht auf der Notfall-Liste der Vereinten Nationen. Wenn das weltweite Katastrophenwarnsystem OSOCC anschlägt, weil irgendwo auf dem Globus die Erde bebt, dann wird Schultes Truppe angefordert.
Als der Tag dämmert, haben die Spürhunde nichts gefunden. Am Ende bleibt ein Wunder aus, in der Rue des Miracles, der Straße der Wunder. Am nächsten Tag werden Schultes und seine Leute wieder ausrücken.
